1000 Jahre Moderne

Architektur im Wandel der Zeit

Es gibt Orte, die Geschichten erzählen. Von Jahrhunderten, von Menschen, von kulturellen Schichten, die sich überlagern. Solche Orte verdienen Schutz. Genau dieser Gedanke steht im Zentrum des Denkmalschutzes, wie er 1964 in der Charta von Venedig formuliert wurde – einem internationalen Grundsatzpapier, das bis heute die Denkmalpflege prägt.

Die Charta versteht historische Bauwerke nicht als museale Objekte, sondern als lebendige Zeugnisse ihrer Zeit. Sie fordert den Erhalt der Authentizität, den Respekt vor dem gewachsenen Umfeld und eine klare Unterscheidbarkeit neuer Ergänzungen. Restaurierungen sollen die Ausnahme bleiben, Rekonstruktionen nur dort erfolgen, wo sie wissenschaftlich belegbar sind.

In Südtirol bildet die Charta von Venedig – ebenso wie in Deutschland, Österreich und der Schweiz – das theoretische Fundament der Denkmalpflege. In der Praxis jedoch hat sich hier eine eigenständige Haltung entwickelt: eine Synthese aus der eher konservierenden italienischen Tradition und der stärker dialogischen Denkmalpflege des deutsch-österreichischen Raums. Das Ergebnis ist im Idealfall eine klare Trennung von Alt und Neu – sichtbar, lesbar und bewusst gestaltet.

Pacherhof – Dialog zwischen Geschichte und Gegenwart

Wie klar diese Prinzipien in Südtirol wirken, zeigt sich gut im Pacherhof oberhalb von Kloster Neustift.
Der „Pacherhof” liegt mitten in den Weinbergen und blickt auf eine über tausendjährige Geschichte zurück. Schon lange vor der Gründung des Klosters im Jahr 1142 wurde hier Wein angebaut. Über die Jahrhunderte wurde der Hof immer wieder erweitert, angepasst und transformiert.


Heute ist der Pacherhof ein außergewöhnliches Ensemble aus Weingut, Hotel, SPA und Begegnungsort – ausgezeichnet mit dem höchsten Nachhaltigkeitslabel Südtirols (GSTC Level 3). Acht Weißweinsorten wachsen rund um den Hof, ausgebaut von Winzer Andreas Huber im neuen und im historischen Keller zu vielfach prämierten Weinen gereift.

2018 wurde der Pacherhof vom Südtiroler Architekturbüro bergmeisterwolf behutsam restauriert und zugleich zeitgemäß erweitert. Unterirdisch entstand eine neue Produktionshalle für den Weinbau, verbunden mit dem historischen Gewölbekeller aus dem 15. Jahrhundert durch einen schmalen Treppentunnel. Aus der Landschaft ragt seither ein polygonaler, mit dunklen Bronzeplatten verkleideter Pyramidenstumpf – Zufahrt, Labor und Verkostungsraum zugleich.

Im Inneren des Hoteltrakts treffen jahrhundertealte Holztäfelungen und Balkendecken auf die klare Geometrie des modernen Betonbaus mit seinen vorgelagerten Holzloggien. Der Baukörper folgt den Terrassierungen des Weinbergs, nimmt deren Linien auf und fügt sich im Sommer beinahe unsichtbar und im Winter harmonisch kontrastierend in die Landschaft ein.
Wohltuend fürs Auge: Neue Bauteile berühren die historische Substanz nie direkt: deutliche Trennfugen, Materialwechsel und Details machen die Eingriffe leicht ablesbar. Der Dialog zwischen Alt und Neu wird hier nicht versteckt, sondern zelebriert.

Moderne neben jahrhundertealten Kulturzeugnissen

Die Charta von Venedig fordert, dass Ergänzungen als solche erkennbar bleiben – besonders im äußeren Erscheinungsbild sowie im Ortsbild. In Brixen ist das Spannungsfeld zwischen Bewahren und Weiterbauen allgegenwärtig.

Die Lauben der Altstadt entstanden im 15. Jahrhundert, als man die Wohn- und Gewerbehäuser aus Platzmangel überwölbte. Sie prägen bis heute das urbane Gefüge. Der barocke Dom mit Kreuzgang, das Hofburg-Ensemble und der Barockbau des Priesterseminars bilden ein Ensemble von europäischem Rang. Aber sie stehen in Brixen nicht isoliert, sondern im steten Dialog mit der Architektur des 20. und 21. Jahrhunderts.

Ein frühes und prägendes Beispiel ist die Cusanus-Akademie, die der Brixner Architekt Othmar Barth 1962 unmittelbar neben der Hofburg errichtete. Sichtbeton und Sichtziegel setzten einen bewussten Kontrapunkt zum barocken Umfeld. Nicht ästhetische Anpassung, sondern Funktionalität und geistige Offenheit standen im Vordergrund – ein mutiger Schritt, der Brixens architektonische Erzählung nachhaltig veränderte.

Ähnlich selbstbewusst positioniert sich das 2004 fertiggestellte Universitätsgebäude der Freien Universität Bozen. Der gläserne Gebäudekranz um einen zentralen Kern nimmt in seiner Kontur Bezug auf die Hofburg, setzt ihr jedoch einen zeitgenössischen Maßstab entgegen – ein Beispiel für die Herausforderungen des Umgebungsschutzes im historischen Kontext.

© Brixen Tourismus / Nicoló Degiorgis
© Cusanus Akademie / Ingrid Heiss


Vermittler im Stadtraum

2019 entstand mit der neuen Tourismusinformation „Treehugger“ ein kleiner, aber wirkungsvoller Bau.

Das Büro MoDus Architects legte den konkaven Sichtbetonbau skulptural um eine alte Platane, als wolle er sie schützen. Aufgeständert zwischen zwei Straßen, öffnet der Bau den Stadtraum und schafft neue Blickbeziehungen zwischen Hofburg, Universitätscampus und Altstadt.

Auch die Stadtbibliothek am Domplatz, wo im Mittelalter der Bischof residierte und später die Finanzwache, verbindet Geschichte und Gegenwart auf vielschichtige Weise. Der 2022 eröffnete Neubau des Architekturbüros Carlana Mezzalira Pentimalli aus Treviso verknüpft die ehemaligen Gebäude und Teile des früheren Gefängnisses mit einem klar gegliederten, lichtdurchfluteten Verbindungsbau. Großzügige Glasflächen, Oberlichter und maßgefertigte Holzmöbel schaffen trotz der kleinteiligen Altbaustrukturen offene, ruhige Räume. Ergänzt wird das Ensemble durch einen Lesegarten im ehemaligen bischöflichen Küchengarten – heute eine Oase der Ruhe zwischen Dom, Stadt und Hofburg.

© Brixen Tourismus / Helmut Moling
© Stadtbibliothek Brixen / Arno Dejaco

Restaurant im Park: Brix 0.1

Südlich vom Stadtzentrum fällt im Lidopark die Fassade des Restaurants „Brix 0.1“ ins Auge.

Auffälligstes Merkmal an ihr ist die skulpturale Form – eine perforierte Außenschale aus Cortenstahl, die sich über das vollverglaste Restaurant setzt. Die Idee von Architekt Markus Tauber: „Tagsüber hebt sie sich vom Grün ab während sie nachts zu einer Laterne wird, deren Licht sich im Wasser spiegelt.“

Die Restaurantbereiche sind voll verglast, so dass Gäste sowohl den See zwischen den alten Bäumen als auch die Köche bei der Zubereitung der Speisen sehen können. Der Restaurantraum mit ca. 100 Sitzplätzen wird unter der Hülle scheinbar fließend mit dem Außenbereich verbunden und geht im Sommer fast unmerklich in eine Terrasse über, die auf den See hinausragt.

Architektur als Identität im Industriegebiet

Abseits der Altstadt zeigt sich eine andere Facette der Moderne: Im Industriegebiet von Brixen setzen Unternehmen wie Durst, duka, Alupress, Progress und LignoAlp auf markante Architektur als Ausdruck ihrer Identität.

Das neue Hauptgebäude der Firma Durst, 2019 von Monovolume architecture + design realisiert, schwebt als zweigeschossiger Flügel über dem alten Verwaltungs- und Produktionsgebäude auf einer Glasbasis und mündet in einen sechsgeschossigen Turm. Die pixelartige Metallfassade macht den Bau zur Landmarke – hier geht es nicht um Anpassung, sondern um Sichtbarkeit.

Der Firmensitz von duka zwängt sich – mit fast schon trotzigen Selbstbewusstsein – als monolithischer Baukörper zwischen Autobahn und Bahnlinie, während Alupress mit einer transparenten, halbrunden Fensterfront Offenheit signalisiert.

Progress ist regionaler Marktführer in Betonfertigteilbauweise und demonstriert das stolz aufragend im achtstöckigen Beton-Glas-Palast des neuen Bürogebäudes.

LignoAlp schließlich setzt ganz auf Holz: Eine kunstvoll gewellte Holzfassade macht den Bau zum Manifest zeitgemäßen Holzbaus und erreicht den höchsten KlimaHaus-Standard.

© kup-arch.it / Duka ag
© durst / bega.com

Einladung zum Weiterbauen

Brixen zeigt, dass Denkmalschutz nicht Stillstand bedeuten muss. 

Die Stadt versteht die Charta von Venedig nicht als Verbot, sondern als Einladung zum bewussten Weiterbauen. Wo historische Ensembles prägend sind, dominiert Zurückhaltung und Lesbarkeit. Wo neue Funktionen gefragt sind, darf Architektur Haltung zeigen. So entsteht ein vielschichtiger Stadtraum – der zugleich ein lebendiges Archiv aus 1000 Jahren Moderne ist.