
Brixens Hausberg
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Brixen ist keine Stadt, in die man sich auf Anhieb oder im Vorbeifahren verliebt. Sie braucht den zweiten Blick, das Eintauchen in die Altstadt – das aber belohnt sie mit grandiosen Eindrücken. Als ich das erste Mal nach Brixen kam, war ich zum Glück mit dem Fahrrad unterwegs.
Mit dem Auto wäre ich wohl wie täglich Tausende auf der Autostradale Brennero A22/E45 an der ältesten Stadt Tirols vorbeigerauscht. Vielleicht hätte ich noch einen Blick links unten im Tal auf Kloster Neustift erhascht, den weißen Turm der Pfarrkirche oder die gelben Zwillingstürme des Doms über dem Dächergewirr der Altstadt bemerkt. Und gewiss hätten auch damals schon die Obstwiesen und die steil ansteigenden Weinterrassen mit ihren idyllisch eingesprenkelten Höfen und Weingütern am Hang des Hausbergs Plose meine Augen auf sich gezogen. Von den großen Ambitionen, die heute die Entwicklung der 23.000 Einwohner-Stadt prägen, habe ich damals nichts gesehen.
Vor zwei Jahrzehnten habe ich auch die Zona Industriale schnell links liegen gelassen. Heute lässt mich schon der Blick auf das Industriegebiet am südlichen Stadtrand staunen: Architektonische Highlights, deren Glastürme und Glitzerfassaden schon auf die dahinter aufscheinenden Dolomitengipfel zu verweisen scheinen.
Am Zusammenfluss von Eisack und Rienz, auf halbem Weg zwischen Brenner und Bozen, ist die mehr als 1000-jährige Geschichte Brixens allgegenwärtig, überall sichtbar – aber nirgends aufdringlich.
Der Domplatz und die Hofburg, der beeindruckende frühere Bischofspalast, sind dem Umstand zu danken, dass Brixen über Jahrhunderte Bischofssitz und kirchliches Zentrum im Süden Tirols war.
Der Brixner Dom gehört zu den wichtigsten Sakralbauten entlang des Alpenbogens und ist eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Mehr als 30 verschiedene Arten von Marmor, barocke Deckengemälde und eine prunkvolle Orgel ziehen die Blicke im Inneren auf sich.
Der große Platz vor dem Dom und ihrer Residenz war für die Fürstbischöfe als Stadtherren von besonderer Bedeutung: Bei ihren Besuchen auf dem Weg nach Süden konnten seinerzeit der Kaiser und sein Gefolge auf dem geräumigen Platz ihre Zelte aufschlagen. Heute machen es die Marktleute.
Seit 1998 schmückt der „Brunnen des Lebens“ von Martin Rainer (1923–2012) den Domplatz. Er ist einer der 27 Brunnen der Innenstadt, aus denen reines Trinkwasser fließt. 48 sind es die Ortsteile mitgerechnet. Wasser spielt in der Stadt am Zusammenfluss von Eisack und Rienz eine zentrale Rolle. Man ist stolz auf das „blaue Gold“ und feiert es alle zwei Jahre mit dem Brixen Water Light Festival .

Brixens Altstadt muss man unbedingt zu Fuß erobern. Der einzigartige Domplatz von Brixen, die zahlreichen sakralen Bauten, die denkmalgeschützte, großflächige mittelalterliche Altstadt, die großen und kleinen Lauben, die Fassaden der Laubenhäuser und die kleinen Geschäfte, modernen Cafés und einladenden Restaurants machen jeden Rundgang zu einer Entdeckung.
Der Kreuzgang, der früher als überdachter Gang die Bischofsresidenz, den Dom, das Baptisterium und das Kapitelhaus verband, war Begräbnisort des Domklerus. Heute ist er wegen seiner alten Grabplatten und den Fresken spätmittelalterlicher Meister im gotischen Kreuzrippengewölbe über den romanischen Fensterbögen unbedingt besuchenswert – und eine beliebte Abkürzung beim Gang durch die Stadt.
Wo im Mittelalter gleich rechts vom Dom der Bischof und später die Finanzwache residierte, ist heute das Wissen zu Hause. Der 2022 eröffnete Neubau der Stadtbibliothek am Domplatz verknüpft die ehemaligen Gebäude der Finanzwache und Teile des früheren Gefängnisses mit einem klar gegliederten, lichtdurchfluteten Verbindungsbau zu einem vielschichtigen Ensemble. Großzügige Glasflächen, Oberlichter und maßgefertigte Holzmöbel schaffen trotz der kleinteiligen Altbaustrukturen offene, ruhige Räume. Der ehemalige bischöfliche Küchengarten wurde als Lesegarten unter dem Südtiroler Himmel integriert.
Schon im 13. Jahrhundert bauten sich die Brixner Fürstbischöfe nahe dem Domplatz eine Hofburg. Sie wurde immer wieder umgebaut und erweitert. In den barocken Räumen und Sälen befindet sich heute das Diözesanmuseum mit zahlreichen sakralen Kunstwerken, inklusive Weihnachtskrippen aus Mittelalter und Neuzeit. Noch prunkvoller: die allegorischen Deckenfresken in der nahegelegenen spätbarocken Bibliothek des Priesterseminars. Aber noch weitaus mehr barocke Pracht entfaltet das zehn Autominuten entfernt gelegene Kloster Neustift, der Tagungs-Hotspot für die Teilnehmenden des DSTNCMP²⁶.
Jenseits des ältesten Stadtteils, Stuffels zwischen Eisack und Rienz, liegt im Westen von Brixen das Wohngebiet Kranebitt und nördlich davon das dörfliche Elvas und die Siedlungen Ober- und Unterkarnol, Mairdorf sowie die Bergorte St. Andrä und Mellaun am Hang des auf über 2500 Meter aufragenden Gebirgsstocks Plose.
Kulinarisch mischen sich in Brixen Tiroler Bodenständigkeit und italienische Leichtigkeit; Märkte und Restaurants verbinden oft beides zu überraschender Harmonie. Aus regionalen Produkten entstehen so vielfach raffinierte Genussmomente, die sich zwischen den alten Gemäuern und in den Gastwirtschaften, Guts- und Buschenschänken mitten in den Weinbergen bestens goutieren lassen. Die Kombination aus Moderne und Tradition betört in Brixen tatsächlich auch den Geschmacks- und Geruchssinn.
Kellerführungen in und um Brixen enden meist in der eigenen Hofschenke, wo der Wein genüsslich verkostet werden kann. Oft servieren Winzer zu ihren Weinen auch raffinierte regionale Gerichte. Ob Südtiroler Knödel, Wein- oder Gerstensuppe, Schlutzkrapfen oder Ravioli mit Almkäse und Trüffel – die Wanderpause an Törggele-Höfen oder der Besuch in der Hofschenke eines Weinguts wird in der Verbindung von Koch- und Winzerkunst zur typisch Südtiroler Verführung.
Buntes Laub und Kastanien am Boden, Wanderwege durch die Weinreben und Sonne ohne Ende: Wenn die Weinlese im Oktober vorbei ist, die Kastanien reif sind und der neue Wein im Fass gärt, wird rund um Brixen „getörggelet“. Bei diesem alten Südtiroler Brauch wandert von Weinschenke zu Weinschenke und verkostet den „Nuien“, den neuen Wein. Dazu gibt es „Keschtn“ wie die Maroni hier heißen.
Der 16 km lange „Keschtnweg“ lädt das ganze Jahr über zum Genusswandern unter Kastanienbäumen und zum Besuch in Buschenschänken, Hofschenken oder Gasthöfen ein. Auch entlang des 6 km langen „Törggele-Rundwegs“ oder auf dem gut 8 km langen Weinweg Brixen-Neustift ist eine Einkehr bei Weinbauern oder im Stiftskeller von Stift Neustift ein absolutes Muss.
Die steilen Hänge um Brixen bilden das nördlichste Weinbaugebiet Italiens. Die Weinterrassen steigen hier bis auf gut 1.000 Meter über Meereshöhe an.
Das mineralische Terroir bringt zusammen mit dem alpin-mediterranen Klima lebendige weiße Sorten wie Sylvaner und Kerner hervor, die mit ihrem ausgewogenen Säurespiel typisch sind für die Region.
Daneben dominieren in den neun Weingütern und der Stiftskellerei Neustift fruchtbetonte kräftige Weiß- und Grauburgunder, Chardonnay und frische Müller-Thurgau. Rotweine wie der Vernatsch oder Schiava machen rund um Brixen gerade mal ein Zehntel der Rebfläche aus. Die meisten Weingüter sind jedoch Familienbetriebe wie der Pacherhof, Kircherhof oder der Grieserhof, die ihre Schätze aus Weinberg und Obstplantage selbst keltern oder brennen und direkt vermarkten.