Moments of Disruption.

Transformation klingt oft nach Strategie, Projektplan und Technologie. Nach einem Prozess, den man sauber aufsetzt, steuert und irgendwann abschließt. Und nach Lehrbuch ist das auch korrekt.

Über Chaichana Sinthuaree

Der gebürtige Thailänder kam als Kleinkind nach Deutschland. Seine Karriere begann er als Schulabbrecher, Multimedia-Producer und Studienabbrecher. Er jobbte als Florist und als Raumausstatter, entdeckte bereits mit 18 seine Begeisterung für Werbung, digitale Medien und die ersten Modems. Dann ging es aber steil bergauf: Gut 20 Jahre später ist er heute renommierter Experte für CRM und integrierte digitale Marketingstrategien.

„Chai“ ist ein ausgewiesener Transformations-Spezialist, der Klartext spricht und nicht mit Buzzwords beeindrucken muss.

Heute lebt der Mittvierziger in der Nähe von Frankfurt, ist Vater von vier 3, 4, 7 und 9 Jahre alten Töchtern und Interimsmanager aus Leidenschaft. „Man muss immer wieder den Mut haben, sich neuen Herausforderungen zu stellen.“

Der Taekwondo-Trainer war CEO im Digital Business, Deutschland-Chef der Werbeagentur Ogilvy, Chief Digital & Media Officer bei Eckes-Granini. Zuletzt verantwortete er als CEO die Transformation von ASS Athletic Sport Sponsoring, einem der größten Anbieter von Auto-Abonnements für Sportvereine und Verbände in Deutschland.

Aber ich habe Transformation anders kennengelernt. Nicht nach dem Lehrbuch. Nicht als Methode. Sondern als Moment. Als den Moment, in dem man merkt: So wie bisher geht es nicht mehr.

Manchmal passt ein Mensch nicht in ein System. Manchmal passt ein Unternehmen nicht mehr in seinen Markt. Manchmal passt eine Institution nicht mehr zu den Erwartungen der Menschen. Und manchmal passt ein erfolgreiches System nicht mehr zur Realität, die sich um es herum schon verändert hat. Diese Momente der Erkenntnis nenne ich „Moments of Disruption“.

Disruption beginnt oft als Irritation

Disruption ist dabei nicht immer der große Knall. Nicht immer die neue Plattform, der neue Wettbewerber oder die neue Technologie. Oft beginnt sie leiser. Als Irritation. Als Zweifel. Als dieses unangenehme Gefühl, dass die alte Logik nicht mehr trägt.

Mein erster Moment dieser Art war kein Business Case. Er war persönlich: Ich kam als Kind aus Thailand nach Deutschland und habe früh erlebt, dass Systeme nicht für alle Menschen gleich funktionieren. Schule war für mich so ein System. Nicht, weil ich dumm war.

Sondern weil ich nicht in diese Logik passte. Das klingt erst einmal wie Scheitern. Rückblickend war es aber eine erste Systemerkenntnis: Wenn ein System nicht funktioniert, heißt das nicht automatisch, dass du falsch bist. Manchmal ist das System einfach falsch kalibriert.

Später im Job habe ich dieses Muster in Unternehmen wiedererkannt. Und dort kam ein zweites Paradox dazu: Nicht nur schwache Systeme tun sich mit Veränderung schwer. Oft sind es gerade die erfolgreichen.

Was gestern geholfen hat, kann morgen bremsen.

Systeme tun sich mit Veränderungen oft nur deshalb schwer, weil sie lange richtig lagen. Erfolg bestätigt. Erfolg schafft Routinen. Erfolg gibt Sicherheit. Und Sicherheit bringt Menschen dazu, das Bestehende zu verteidigen.

Genau das macht Transformation so schwierig. Sie richtet sich nicht nur gegen (gefürchtetes) Scheitern, sondern oft gegen die (bisherige) Logik des Erfolgs. Und damit tun wir uns im deutschsprachigen Raum besonders schwer. Wir reden zwar viel über Fehlerkultur, aber Scheitern ist selten wirklich vorgesehen.
Transformation verlangt aber nicht nur neue Ideen, sondern auch die Bereitschaft, alte Gewissheiten in Frage zu stellen.

Die alte Kasernenbaracke in Brixen ist dafür ein starkes Bild. Sie wurde nicht abgerissen. Sie bekam eine neue Aufgabe als „Schenoni Urban Lab“. Die Geschichte des Ortes wurde nicht gelöscht, sondern anders nutzbar gemacht.

Genau darum geht es auch bei Transformation: nicht alles wegwerfen, sondern verstehen, was bleiben soll und was eine neue Funktion braucht.

Innovation – Disruption – Transformation

Ich unterscheide bewusst zwischen Innovation, Disruption und Transformation:

  • Innovation verbessert ein bestehendes System.
  • Disruption stellt die bestehende Logik infrage.
  • Transformation verändert das System so, dass es in einer neuen Realität wieder wirksam werden kann.

Innovation kann man planen. Transformation muss man führen. Disruption muss man aushalten. Das klingt einfach. Ist es aber nicht.

Transformation scheitert oft an inneren Prozessen

Ich habe Transformation früher oft zu sehr von außen betrachtet: Strategie, Struktur, Prozesse, neue Tools. Das sieht man. Das kann man planen. Das kann man auf Charts schreiben. Dafür gibt es auch viele gute Modelle, Methoden, Berater und Tools.

Der weitaus schwierigere Teil passiert aber innen: Menschen müssen sich von Gewissheiten verabschieden. Von Routinen. Von vertrauten Rollen. Oft auch von eigenem Status. Das sagt sich leichter, als es ist.

Wer Transformation erlebt, freiwillig oder gezwungen, durchläuft selten einen einfachen Prozess. Da ist Neugier, aber auch Angst. Da ist Energie, aber auch Widerstand. Da ist Aufbruch, aber manchmal auch Trauer um das, was nicht mehr funktioniert. Deshalb scheitern Transformationen oft daran, dass Organisationen diese inneren Prozesse unterschätzen.

Auch ein „gutes“ Produkt braucht das passende System

Ich habe das in sehr unterschiedlichen Systemen erlebt. In Kreativagenturen, in Konzernen, in Familienunternehmen, in der Mobilität. Bei Eckes-Granini, im besten Sinne ein Saftladen, ging es nicht einfach darum, Saft online zu verkaufen. Eine Platzierung bei Amazon oder einem anderen Verkaufsportal ist noch keine Transformation. Die eigentliche Frage war: Wie wird aus einem erfolgreichen Produktunternehmen ein Unternehmen, das direkter mit Menschen lernt, kommuniziert und Beziehung aufbaut?

Auch beim Auto-Abo ging es nicht nur um ein anderes Produkt. Das Auto blieb ja ein Auto. Aber die Logik veränderte sich: Nutzung statt Besitz. Zugang statt Eigentum. Flexibilität statt langfristiger Bindung. Manchmal bleibt das Produkt gleich, aber das System dahinter muss sich komplett neu sortieren.

„Bessere“ Kommunikation reicht nicht

Auch gesellschaftlich und politisch sehen wir solche Moments of Disruption. Legitimitätskrisen entstehen, wenn Menschen das Gefühl haben, dass Institutionen ihre Realität nicht mehr verstehen. Anpassungsdruck entsteht, wenn alte Versprechen nicht mehr eingelöst werden können. Dann reicht es nicht, nur besser zu kommunizieren. Systeme müssen beweisen, dass sie noch lernfähig und anpassungsfähig sind.
Für den Tourismus ist das besonders relevant. Destinationen sind keine einfachen Unternehmen. Da hängt viel mehr dran: Gäste, Einheimische, Betriebe, Politik, Verwaltung, Natur, Kultur, Mobilität, Lebensraum und wirtschaftliche Interessen. Viele Wahrheiten. Viele gute Gründe, nicht zu schnell zu viel zu verändern.

Und genau deshalb ist Transformation für Destinationen so schwer. Und wahrscheinlich so wichtig.

Reisen muss sich mit anderen Erlebnissen messen lassen

Gäste vergleichen heute nicht mehr nur Destinationen miteinander. Sie vergleichen Erlebnisse. Sie vergleichen Einfachheit, Transparenz, Service, Kommunikation und Orientierung mit dem, was sie aus anderen Lebensbereichen kennen. Wer in Mobilität, Banking oder Handel erlebt hat, dass Dinge einfach und transparent funktionieren können, erwartet diese Logik irgendwann auch im Reisen.

Dabei geht es nicht nur um Technologie. Technologie kann man vergleichsweise einfach kaufen. Kultur muss man entwickeln.

Nach Antworten fragen, nicht nach Tools schielen

Wenn ich heute einen Transformationsprozess mit einer Destination starten würde, würde ich nicht nach einem Tool suchen. Ich würde mit folgenden unbequemen Fragen anfangen:

  • Wo passt unser System nicht mehr zur Realität? Welche Annahmen stimmen nicht mehr?
  • Was hat uns stark gemacht, könnte uns aber morgen bremsen?
  • Welche Perspektiven hören wir höflich an, nehmen sie aber nicht wirklich ernst?
  • Wo schaffen wir echten Freiraum für Innovation? Nicht nur einen Workshop, sondern Zeit, Verantwortung, Entscheidungsspielraum und Schutz, wenn etwas nicht sofort funktioniert.
  • Was ändere ich selbst?

Transformation lässt sich nicht delegieren. Wer Wandel fordert, muss zeigen, welche eigene Routine, Kontrolle oder Gewissheit er bereit ist loszulassen.

Die Antworten dürfen nicht in einem Miro-Board oder einer Präsentation auf dem Friedhof der guten Ideen verschwinden. Aus ihnen muss eine Priorität entstehen. Ein geschützter Raum. Ein ehrliches Experiment. Nicht der große Umbau, der alle überfordert. Sondern eine konkrete Aufgabe für die nächsten 90 Tage: Was wollen wir anders machen und woran merken wir, dass es wirkt?

So wird aus Wahrnehmung Handlung. Nicht perfekt. Aber konkret.

Wie entsteht aus einer Buchung eine Beziehung?

Für touristische Organisationen wird es in den kommenden Jahren nicht reichen, Angebote nur schneller, schöner oder digitaler zu machen. Es wird darum gehen, die eigene Logik zu prüfen: Wie entsteht Beziehung statt nur Buchung? Wie entsteht Wiederkehr statt nur Reichweite? Wie wird aus Besuch ein verantwortlicher Umgang mit Lebensraum?

Buchung ist noch keine Beziehung. Aufenthalt ist noch keine Loyalität.

Transformation dauert. Das ist unbequem und nervt Menschen wie mich, die gerne schnell Wirkung sehen. Aber Erfolg braucht Zeit. Und meistens beginnt er nicht mit dem perfekten Plan. Sondern mit dem ehrlichen Moment, in dem man sagt: So wie bisher passt es nicht mehr.

Vielleicht ist das die wichtigste Frage für alle, die Transformation gestalten wollen: Was müsste ich anders machen, wenn ich wirklich etwas verändern wollte?