
Session 01: Pragmatische Beteiligungsprozesse gegen Overtourism und Crowdtourism
Impulsgeber: Matthias Pens
Tourismusorganisationen orientierten lange vor allem auf Wachstum, Reichweite und Gästezahlen. Doch vielerorts zeigt sich zunehmend: Eine Destination kann langfristig nur dann erfolgreich sein, wenn sie auch für die Einwohnerinnen und Einwohner lebenswert bleibt. Dieses Spannungsfeld stand im Mittelpunkt der ersten Session im Themenstrang „Mit Co-Kreation den Lebensraum gestalten“.
Im Einstiegsimpuls schilderte Matthias Pens von der MV Tourismus GmbH den tiefgreifenden Wandel der Landestourismusorganisation Mecklenburg-Vorpommern. Über viele Jahre hinweg verstand sich die LTO primär als Vermarktungsorganisation. Der Fokus lag auf Reichweite, Sichtbarkeit und touristischem Wachstum. Dabei stieg jedoch in einzelnen Regionen der Druck auf Infrastruktur, Wohnraum und Lebensqualität. Die Corona-Pandemie machte die Spannungen sichtbar und verstärkte vielerorts die Diskussion um Akzeptanz und Belastungsgrenzen des Tourismus.
Den entscheidenden Wendepunkt markierte eine repräsentative Einwohnerbefragung zur Tourismusakzeptanz: Während die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus von einer großen Mehrheit anerkannt wurde, empfand nur ein vergleichsweise kleiner Teil der Bevölkerung eine konkrete Verbesserung der eigenen Lebensqualität. Damit wurde deutlich: Wirtschaftlicher Erfolg allein reicht nicht aus, um gesellschaftliche Akzeptanz dauerhaft zu sichern.
Gästeorientierung und lokale Bedürfnisse zusammenbringen
Die Teilnehmer:innen der Session beschäftigten sich deshalb mit der Frage, wie politische Vorgaben, touristische Interessen und lokale Bedürfnisse so miteinander verbunden werden können, dass daraus echte Beteiligung und langfristig tragfähige Lösungen entstehen.
Tourismusorganisationen orientierten lange vor allem auf Wachstum, Reichweite und Gästezahlen. Doch vielerorts zeigt sich zunehmend: Eine Destination kann langfristig nur dann erfolgreich sein, wenn sie auch für die Einwohnerinnen und Einwohner lebenswert bleibt. Dieses Spannungsfeld stand im Mittelpunkt der ersten Session im Themenstrang „Mit Co-Kreation den Lebensraum gestalten“.
Geschichten lauschen und daraus Rückschlüsse fürs eigene Leben ziehen, ist die vielleicht älteste Lernmethode der Welt. Bei der Methode „Collective Story Harvesting“ teilen die Erzähler:innen in Kleingruppen ihre Geschichten, während Zuhörer:innen gezielte Fokusfragen bearbeiten, um wichtige Elemente herauszuhören. Danach reflektieren sie ihre Einsichten, bevor die Gruppe gemeinsam in der Großrunde die zentralen Learnings („golden nuggets“) zusammenfasst. Durch das gemeinsame Reflektieren sollen so neue Erkenntnisse gewonnen werden.
Mit der Methode des „Collective Story Harvesting“ sollten aus den in MecklenburgVorpommern gemachten Erfahrungen Muster, Haltungen und auf andere Destinationen übertragbare Erkenntnisse abgeleitet werden. Die Teilnehmenden identifizierten dabei mehrere zentrale Erfolgsfaktoren:
- Haltung schlägt Masterplan: Entscheidend ist die Bereitschaft, sich als Organisation selbst zu reflektieren sowie aufmerksam und mit echter Neugier zuzuhören.
- Daten statt Bauchgefühl: Repräsentative Befragungen schaffen Legitimation und ersetzen Annahmen durch belastbare Grundlagen.
- Vertrauen und Augenhöhe: Beteiligung funktioniert nur dann, wenn Menschen echte Wirksamkeit erleben und Zwischenstände und Ergebnisse transparent weitergetragen werden.
- Prozess statt Kampagne: Akzeptanzprobleme lassen sich nicht allein kommunikativ lösen. Beteiligung muss dauerhaft Teil der Organisationshaltung werden.
- Spannungen aushalten: Konflikte im Beteiligungsprozess spiegeln häufig größere gesellschaftliche Spannungen wider und dürfen nicht vorschnell „wegmoderiert“ werden.
Co-Kreation braucht Struktur
Anhand des Beispiels Mecklenburg-Vorpommern wurde sichtbar, wie stark methodische Entscheidungen den Verlauf von Beteiligungsprozessen beeinflussen können.
Die MV-Workshops wurden bewusst in die Abendstunden gelegt, um berufstätige Menschen einzubeziehen. Persönlich verschickte Tickets signalisierten Wertschätzung und Verbindlichkeit. Unterschiedliche Rollen wie „Ideengeber“, „Ratgeber“ oder „neugieriger Einwohner“ halfen dabei, sich bewusst einzubringen. Kreative Methoden aus dem Design Thinking – etwa das Arbeiten mit haptischen Materialien und bauen von Prototypen – unterstützten dabei, Ideen in greifbare Lösungsansätze zu übersetzen.
Der Impuls zeigte offen die Herausforderungen auf, denen man in ernstgemeinten co-kreativen Prozessen begegnet. Medienpartnerschaften erwiesen sich als schwierig, einige lokale politische Akteure reagierten anfangs verhalten auf die direkte Bürgerbeteiligung und manchen Teilnehmenden fiel es schwer, sich auf unterschiedliche Bedürfnisse und Perspektiven einzulassen.
Daraus resultierte eine zentrale Erkenntnis der Session: Co-Kreation bedeutet nicht immer Harmonie, sondern die Fähigkeit einen Raum zu schaffen, in dem unterschiedliche Interessen, Bedürfnisse, Erwartungen und Spannungen ausgehalten werden – um dann einen konstruktiven und lösungsorientierten Umgang damit zu finden.
Vom Destinations-Denken zum Lebensraum-Denken
Als Ergebnis der ausführlichen Diskussionen identifizierten die Teilnehmenden strategische und operative Handlungsmöglichkeiten sowie einen grundlegenden Perspektivenwechsel:
- Lebensqualität und Tourismusakzeptanz sollten als Erfolgsindikatoren stärker berücksichtigt werden.
- Tourismusorganisationen müssen sich als Befähiger, Beziehungsgestalter und Prozessbegleiter verstehen.
- Co-Kreation darf nicht als zeitlich begrenztes Projekt betrachtet werden, sondern ist als Haltung einer Organisation dauerhaft zu verankern.
- Einheimische werden von passiv Betroffenen zu aktiv Beteiligten.
Wenn es den Einwohnerinnen und Einwohnern gut geht, kann es auch unseren Gästen gutgehen.
Lebensqualität als neuer Kompass
Die Session machte deutlich, dass sich die Rolle von DMO zunehmend verändert: Zur Ansprache der Gäste rücken die Bedürfnisse der Bevölkerung gleichgewichtet in den Fokus. Aus passiv betroffenen Einwohnern werden aktive Beteiligte. Tourismus wird vom Wirtschaftsfaktor zum aktiven Mitgestalter eines gemeinsamen (Er-)Lebensraums.
Eine co-kreative Haltung ist die entscheidende Voraussetzung: Zuhören, Spannungen aushalten und Mitgestaltung ermöglichen. Das erfordert Zeit, Mut, ein gut durchdachtes Prozessdesign, professionelle Begleitung und die Bereitschaft, sich auf einen ergebnisoffenen Prozess einzulassen.
Der landesweite Beteiligungsprozess in Mecklenburg-Vorpommern #IdeenMachenTourismus galt der Frage:„Wie schaffen wir es, dass der Tourismus unsere Lebensqualität in Mecklenburg-Vorpommern stetig und spürbar verbessert?“.
Ausführliche Dokumentationen dazu hier.