Destinationen zukunftsfähig aufstellen

Session 01: Neues Tourismusverständnis mit neuen Kennzahlensystemen in die Umsetzung bringen

Impulsgeberin: Birgit Bosio

Der Anspruch der Branche wandelt sich vom reinen Marketing hin zu einer ganzheitlichen Destinationsverantwortung, die die lokale Lebensqualität in den Mittelpunkt stellt. Reine Gäste- und Übernachtungszahlen reichen nicht mehr aus, um den Erfolg zu messen oder Tourismus gegenüber Politik und Bevölkerung zu rechtfertigen. Für die Steuerung braucht es neue, wissenschaftlich fundierte Kennzahlensysteme, die ökologische, soziale und ökonomische Zukunftsfähigkeit belegen.

Der Titel der 1. Session im Themenstrang deutete schon die Komplexität an: „Neues Tourismusverständnis mit Tourism Impact Score, TYSTO, STOST & anderen Kennzahlensystemen in die Umsetzung bringen“. Für ein komplexes Lebensraummanagement fehlen Tourismusorganisationen jedoch oft sowohl die nötigen Ressourcen als auch das Fachwissen: Eine Vielzahl von Kennzahlen und die schwere Übertragbarkeit internationaler Standards auf kleinteilige, föderale Strukturen führen in der Praxis zu Verunsicherung.

Bewertungssysteme im Vergleich

Ein systematischer Vergleich der führenden regionalen und nationalen Lösungsansätze sollte in der Session helfen. Drei Fachimpulse beleuchteten zum Auftakt die Notwendigkeit einer evidenzbasierten und partizipativen Destinationsentwicklung aus unterschiedlichen Perspektiven.

Birgit Bosio vom Management Center Innsbruck (MCI) hob die veränderten Anforderungen an die Erfolgsmessung hervor: „Der touristische Erfolg der Zukunft darf (im alpinen Raum) nicht mehr isoliert an der Übernachtungsstatistik festgemacht werden. Nur durch ein systematisches Monitoring, das direkt mit den globalen Nachhaltigkeitszielen verknüpft ist, schaffen wir einen enkeltauglichen Lebensraum für kommende Generationen und ihre Gäste“.

Jakob Hillebrand von Eurac Research betonte in seinem Beitrag die soziokulturelle Dimension des Monitorings: „Die Lebenswelt der Menschen vor Ort darf niemals zu Gunsten einer touristischen Vermarktung instrumentalisiert werden. Das Sustainable Tourism Observatory of South Tyrol (STOST) versteht sich als neutraler Think-Tank. Mit seiner Hilfe können politische Entscheidungen auf verlässlichen, wissenschaftlich erhobenen Daten basieren, statt auf gefühlten Wahrheiten“.

Moderator Marco Giraldo von TourCert lenkte den Fokus auf die operative Handhabbarkeit und die strategische Relevanz standardisierter Instrumente für das Destinationsmanagement: „Nachhaltigkeit ist kein wohlklingendes Versprechen, sondern ein zentraler Hebel für den wirtschaftlichen Erfolg. Der Tourism Impact Score (TIS) übersetzt die komplexen Anforderungen internationaler Standards in ein digital gestütztes Management-Werkzeug.“

Unterschiede der Bewertungssysteme

Tourism Impact Score

TIS
Trägerschaft
TourCert
Geografischer Fokus
Deutschland und europäische Destinationen
Methodischer Ansatz
Digitales Cockpit, stakeholderbasierter Kooperationsindex, standardisiertes Reifegradmodell
Erhebungshäufigkeit
Kontinuierliche Datenpflege mit jährlicher Auditierung
Kerndimensionen
Governance, Soziokulturelle Wirkung, Ökonomische Resilienz, Ökologie

Tyrolean Sustainable Tourism Observatory

TYSTO
Trägerschaft
MCI Tourism (Innsbruck)
Geografischer Fokus
Bundesland Tirol (AT)
Methodischer Ansatz
Aggregation gesetzlicher Nachhaltigkeitsberichte der 34 DMO ab 2023, verknüpft mit Sekundärdaten
Erhebungshäufigkeit
Jährliche Berichtslegung, kontinuierliches Dashboard-Monitoring
Kerndimensionen
9 Handlungsfelder über die Dimensionen der Nachhaltigkeit

Sustainable Tourism Observatory of South Tyrol

STOST
Trägerschaft
EURAC Research
Geografischer Fokus
Autonome Provinz Bozen-Südtirol (Italien)
Methodischer Ansatz
Kombination aus quantitativen Umwelt-/Mobilitäts-daten und repräsentativen Bevölkerungsbefragungen
Erhebungshäufigkeit
Jährlicher Report, gestützt durch laufende, anlassbezogene Studien
Kerndimensionen
19 prioritäre Issue-Areas inklusive Biodiversität, Ski-Tourismus und Lebensqualität

Tourismusorganisationen im deutschsprachigen Raum stehen vor dem Wandel zum komplexen Lebensraummanagement – für das ihnen jedoch oft die nötigen Ressourcen und das Fachwissen fehlen.Eine Überflutung mit Kennzahlen und die schwere Übertragbarkeit internationaler Standards auf kleinteilige, föderale Strukturen führen in der Praxis zu großer Orientierungslosigkeit.

Marco Giraldo, TourCert gGmbH

Vom Messen zum Managen

In der anschließenden Gruppenarbeit entwickelten die Teilnehmenden an Musterdestinationen ein Tourismus-Steuerungsmodell, das strukturiert zwischen gemeinsamen Fokus-Kennzahlen und flexiblen, regionsspezifischen Zusatzindikatoren unterscheidet. Zentrale methodische Herausforderung dabei bleibt die Erfassung und Gewichtung subjektiver Kriterien, die sich – anders als Verbrauchsdaten – kaum mathematisch standardisieren lassen.

Implementierung begleitet die Transformation: Durch die systematische Nutzung verlässlicher Daten kann sich die DMO von einer Marketingeinheit zu einer strategisch steuernden Organisation transformieren. Der Nachweis nachhaltiger Effekte ihrer Arbeit sichert das gesellschaftliche Vertrauen. Zugleich ermöglicht die Datenbasis eine Besucherlenkung zum Schutz der Ökosysteme und stärkt die Wettbewerbsfähigkeit der Destination im Buhlen um Investitionen und Arbeitskräfte.

Bei Untätigkeit sinkt die Akzeptanz: Ein Verharren in etablierten quantitativen Denkmustern birgt die Gefahr, dass die Bevölkerung dem Tourismus aufgrund steigender Lebenshaltungskosten, Verkehrsbelastungen und einer spürbaren Übernutzung des gemeinsamen Lebensraums dauerhaft den Rücken kehrt. Ohne transparente Wirkungsnachweise verliert der Tourismussektor auch gegenüber politischen Entscheidungsträgern massiv an Legitimation, was zu einer drastischen Kürzung öffentlicher Fördergelder und dem Verlust der politischen Unterstützung führen dürfte.

Langfristig angelegter Entwicklungsprozess

Die Implementierung eines Lebensraummanagements erfordert jedoch einen langfristig angelegten partizipativen Organisations- und Kulturentwicklungsprozess. Um die betroffenen Akteure wirksam mitzunehmen und den administrativen Aufwand zu minimieren, haben die Teilnehmenden dieser Session folgende Schritte zu einer Umsetzung erarbeitet:

  •  bestehende Datenarchitektur & digitale Infrastruktur prüfen 
  • Kern-KPI-Set (max. 20) definieren, kompatibel zu bestehenden Kennzahlensystemen
  •  Reifegradmodell integrieren (fehlende Daten mit strukturierter Selbsteinschätzung erfassen, mit dem Ziel zur „harten“ Messung)
  • die Rolle der „Nachhaltigkeitskoordination“ in der Destination / im Verband mit jährlicher Berichtspflicht verankern und so das politische Commitment sichern
  • Wirklogik permanent prüfen & Maßnahmen an KPI-Ziele koppeln
  • Stakeholder & Kooperationspartner von Beginn an in den Prozess involvieren
  • Kommunikation & Transparenz durch einen öffentlichen Jahresbericht schaffen.

Die detaillierte Auseinandersetzung in der Session verdeutlichte, dass bestehende Kennzahlensysteme kaum miteinander vergleichbar sind, und unterschiedlichste Herangehensweisen zum Erfolg führen können. 

Kennzahlsysteme als Navigationsinstrumente

Generell dürften Erfolg und Zukunftssicherung von Destinationen davon abhängen, ob es gelingt, die tatsächlichen soziokulturellen, ökologischen und ökonomischen Auswirkungen des Tourismus kontinuierlich zu messen, transparent zu kommunizieren und aktiv im Sinne aller Beteiligten zu steuern. Kennzahlensysteme wie der Tourism Impact Score, TYSTO und STOST sowie das Kennzahlenset des DTV sind damit unverzichtbare Navigationsinstrumente für einen verantwortungsvollen, resilienten und enkeltauglichen Tourismus der Zukunft.