Mit Co-Kreation den Lebensraum gestalten

Session 02: Tourismus- und Citymanagement für Einwohner:innen und Gäste

Impulsgeber: Hansjörg Mair

Leerstände, fehlende Gastronomie, unbelebte Plätze, aussterbende Ortskerne sind mehr als städtebauliche Probleme: Sie beeinträchtigen Aufenthaltsqualität, Möglichkeiten für soziale Begegnung, touristische Attraktivität und vor allem auch die Lebensqualität der Einwohner.

Die zweite Session im Themenstrang „Mit Co-Kreation den Lebensraum gestalten“ beschäftigte sich deshalb mit der Frage, welche Rolle eine DMO künftig bei der aktiven Gestaltung und Wiederbelebung eines Ortes übernehmen kann.

Neues Format zur Revitalisierung von Leerstand

Den Einstieg bildete der Impuls von Hansjörg Mair von der Schwarzwald Tourismus GmbH. Nach dem ursprünglich aus Italien stammenden Konzept des „Albergo Diffuso“ sollen im Schwarzwald Orte durch dezentrale touristische Nutzungen revitalisiert werden. Deutlich wurde dabei, dass Albergo Diffuso weit mehr ist als ein Hotel- oder Unterkunftskonzept. Vielmehr fungiert es als eine Art „Stresstest“ für Regionen und Dorfgemeinschaften. Denn das Modell funktioniert nur dort, wo Menschen bereit sind, Verantwortung zu teilen, gemeinsam Entscheidungen zu treffen und langfristig miteinander zu arbeiten.

Hansjörg machte dabei deutlich, dass touristische Entwicklungsprojekte häufig nicht an fehlenden finanziellen Mitteln scheitern, sondern an mangelndem Vertrauen, fehlender Verbindlichkeit und einer unklaren gemeinsamen Haltung. Häufig werde über Infrastruktur, Produkte, Plattformen oder Vermarktung gesprochen – während die eigentlichen Grundlagen erfolgreicher Entwicklung zu wenig Beachtung fänden: tragfähige Beziehungen, die Aktivierung möglichst breiter Netzwerke und daraus entstehende lokale Verantwortungsgemeinschaften.

Destinationen sind keine Maschinen. Sie sind Beziehungsgeflechte.

Hansjörg Mair, Schwarzwald Tourismus

Im weiteren Verlauf der Session wurde intensiv über die Rolle von Gastronomie, öffentlichen Räumen und sozialen Treffpunkten diskutiert. Ohne Wirtshäuser, Cafés oder Begegnungsräume fehlen Austausch, Informalität und letztlich auch öffentliches Leben. Gerade in kleineren Orten oder strukturschwächeren Regionen entscheidet sich genau an diesen Orten, ob Gemeinschaft und Begegnung außerhalb der eigenen vier Wände erhalten bleiben oder verloren gehen.

Phase Null: Erst verstehen, dann handeln

Anschließend arbeiteten die Teilnehmenden in Kleingruppen an unterschiedlichen realitätsnahen Problemstellungen – darunter fehlende Gastronomie, saisonale Nutzungslücken, leerstehende Immobilien, untergenutzte öffentliche Plätze sowie Einkaufsstraßen mit zunehmendem Leerstand. Ziel war es, ein gemeinsames Verständnis dafür zu entwickeln, welche Fragen und Voraussetzungen geklärt werden müssen, bevor eigentliche Entwicklungs- oder Beteiligungsprozesse beginnen können. Diese Phase Null liegt vor dem eigentlichen Start.

Statt gleich neue Angebote, Nutzungen oder Konzepte zu entwickeln, müsse zuerst verstanden werden, worin die eigentliche (Bedarfs-)Lücke sowie das Potenzial eines Ortes überhaupt bestehen. Für wen genau soll ein Ort revitalisiert werden? Welche Bedürfnisse haben die dort lebenden Menschen und Anrainer:innen? Welche Funktion soll er künftig erfüllen? Welche Menschen profitieren vielleicht gar nicht von den bisher bestehenden Angeboten?

Orte beobachten, statt sie zu überplanen

Besonderen Wert legten die Teilnehmenden auf das bewusste Beobachten vor Ort als wichtiger Gegenpol zu datengetriebenen oder strategischen Planungsschritten am Schreibtisch. Wie verändert sich das Leben auf einem Platz im Tagesverlauf? Wer nutzt ihn für was, und wer fehlt? Wie wirken Wetter, Infrastruktur oder Atmosphäre auf unterschiedliche Zielgruppen?

Ebenso intensiv diskutiert wurde die Frage nach den Interessen unterschiedlichster Stakeholder: Eigentümer:innen, Politik, Verwaltung, Gastronomie, Handel, Anwohner:innen und Gäste. Dabei muss sehr bewusst entschieden werden, wer wann, wie und in welcher Rolle beteiligt wird.

Co-Kreation braucht Kümmerer, Vertrauen und Haltung

Auch Fragen nach Ressourcen und Verantwortlichkeiten spielen eine wichtige Rolle. Erfolgreiche Prozesse brauchen klare „Kümmerer“, die moderieren, koordinieren und Entwicklungen langfristig begleiten. Fehlender politischer Rückhalt oder mangelnde Zugänge zu Entscheidungsträgern können Projekte bereits in frühen Phasen scheitern lassen.

Im Verlauf der Session entstand dadurch ein sehr umfassendes Bild davon, was Co-Kreation im touristischen Kontext tatsächlich bedeutet: Entscheidend für die Zukunftsfähigkeit einer Region wird sein, ob sie es schafft, wieder stärker gemeinsam Verantwortung für ihre Lebensräume zu übernehmen – und Orte nicht nur touristisch attraktiv, sondern auch sozial lebendig zu gestalten.

Business Model Canvas für die Prozessplanung

Nach dem Vorbild des Business Model Canvas (BMC) zur Prozessplanung, fragten sich die Teilnehmenden, welche Informationen sie zur Entwicklung und Etablierung eines neuen Geschäftsmodells eruieren würden.
Das BMC ermöglicht es, die Schlüsselfaktoren eines Geschäftsmodells oder einer Herausforderung intuitiv und zugleich strukturiert zu visualisieren. Die Teilnehmenden wählten  für die Phase Null folgende als Schlüsselfaktoren:

  • Ist-Analyse/ Bestandsaufnahme
  • Purpose/ Ziele
  • Stakeholder
  • Ressourcen
  • Organisation
  • Produkt- und Angebotsentwicklung
  • Risiken & Stolperfallen

Zu allen sammelten sie in Arbeitsgruppen eine Vielzahl von Fragen, deren Beantwortung die Basis für die Entscheidung sein sollten. Das 2004 entwickelte Modell gibt es inzwischen in zahlreichen Modifikationen, die je nach Aufgabe oder Businessbereich spezifische Schlüsselfaktoren berücksichtigen.

Infos zum ursprünglichen, 2004 entwickelten, Business Model Canvas hier.