Destinationen zukunftsfähig aufstellen

Session 03: Innovative Finanzierungs- und Beteiligungsmodelle

Impulsgeberin: Meike Jacobsen

Angesichts steigender Erwartungen an die DMO avanciert die Entwicklung innovativer Finanzierungs- und Beteiligungsmodelle jenseits traditioneller Umlagesysteme zur existenziellen Überlebensfrage. Trotz knapper werdender Budgets müssen DMO heute den komplexen Spagat zwischen strategischer Markenführung, digitaler Besucherlenkung und der nachhaltigen Transformation der Region bewältigen.

Ausgangspunkt der dieser Session war die durch Studien belegte Diskrepanz zwischen nachhaltigen Absichtsbekundungen von Reisenden und ihrem tatsächlichen Verhalten vor Ort. Dieser „Intention-Behavior-Gap“ (Absichts-Verhaltens-Differenz) lässt Informationskampagnen und moralische Appelle zu fairem Reisen oder klimabewusstem Handeln leicht verpuffen. Um Nachhaltigkeit als emotionalen Mehrwert und Gewinn für alle Beteiligten zu etablieren, müssen zukunftsfähige Destinationen deshalb Anreizsysteme schaffen, die Gäste belohnen und psychologische Barrieren spielerisch abbauen.

Wir müssen aufhören, Tourismus in starren administrativen Grenzen zu verwalten. Wir müssen anfangen, den Lebensraum aktiv und gemeinsam zu gestalten. Jede Destination hat die Chance, den Tourismus dauerhaft zukunftsfähig aufzustellen.

Marco Giraldo, TourCert gGmbH

Von „CopenPay“ zum globalen „DestinationPay“

Meike Jacobsen von der Wirtschaftsförderung Bremen referierte in ihrem Impuls kurz zur Entstehung und Umsetzung von CopenPay, um dann die Adaption auf BremenPay zu erläutern.

Das von der offiziellen Tourismusorganisation Wonderful Copenhagen initiierte Modell basiert auf einer einfachen Prämisse: Gäste bezahlen für Eintritte oder Gastronomie nicht mit Geld. Wer beispielsweise mit dem Fahrrad zu den Sehenswürdigkeiten anreist, Plastikmüll aus den Kanälen fischt oder sich an lokalen Gartenprojekten beteiligt, erhält im Gegenzug kostenfreien Zugang zu Museen, Vergünstigungen im Einzelhandel oder eine kostenlose Mahlzeit in kooperierenden Restaurants. Das 2024 eingeführte Pilotprojekt CopenPay konnte 2025 erfolgreich auf über 100 Partnerbetriebe skaliert werden.

Copenhagen verzeichnete eine Steigerung der Fahrradnutzung um 59 Prozent und eine langfristige Verhaltensänderung bei 70 Prozent der Teilnehmenden. Daraufhin wurde das Konzept zum globalen Dachmodell „DestinationPay“ weiterentwickelt. Es bietet anderen Regionen praxiserprobte Frameworks für eigene Projekte und treibt so den Wandel von einer reinen Konsumwirtschaft hin zu einer partizipativen Erlebnisökonomie voran.

CopenPay oder BremenPay beweisen, dass gemeinwohlorientierte Finanzierung reale Wirkung entfalten kann.

Meike Jacobsen, Wirtschaftsförderung Bremen

Mit geringen technologischen Barrieren umsetzbar

Die WFB Wirtschaftsförderung Bremen GmbH demonstrierte 2026 mit der Adaption zum Projekt „BremenPay“, wie sich die AbsichtsVerhaltens-Differenz mit geringen technologischen Barrieren und starker lokaler Beteiligung aufheben lässt:

  • Gäste wählen eine klimafreundliche Aktivität wie die Anreise mit der Bahn, das Erkunden der Stadt per Fahrrad oder die Verlängerung ihres Aufenthalts zur Reduzierung von AnreiseEmissionen.
  • Sie weisen das vor Ort unkompliziert nach, etwa durch das Vorzeigen eines Bahntickets oder eines Fotos der Aktivität.
  • Der Nachweis wird bei den Partnerbetrieben gegen eine exklusive Belohnung eingetauscht und lädt das nachhaltige Handeln so unmittelbar emotional auf.

Technologisch verzichtete BremenPay bewusst auf eine komplexe, downloadpflichtige App-Infrastruktur, um die Einstiegshürde für Gäste und Betriebe so gering wie möglich zu halten. Stattdessen setzt das Modell auf eine intuitive Landingpage, eine interaktive WebKarte und QR-Codes. Ergänzt wird das System durch physische Stempelhefte in den Partnerbetrieben, die nach dem Sammeln mehrerer Sticker gegen ein exklusives Bremen-Präsent in der Tourist Information eingetauscht werden können, was zusätzliche Frequenz in der Innenstadt generiert.

Weitere Beispiele für Nachhaltigkeit

BerlinPay: ist ein stadtweites Pilotprojekt in Berlin, das umweltbewusstes und verantwortungsvolles Verhalten von Gästen und Einheimischen mit kostenfreien Aktivitäten, Rabatten und exklusiven Erlebnissen belohnt.
Infos: visitberlin.de

Low-Carbon Rate (Normandie / Frankreich): belohnt Touristen mit mindestens 10 % Rabatt auf Eintrittspreise in über 100 teilnehmenden Museen und Freizeiteinrichtungen, wenn diese umweltfreundlich mit dem Zug, Bus oder Fahrrad anreisen.
Infos: de.normandie-tourisme.fr

FOOTPRINTS ist eine Nachhaltigkeitsinitiative der Stadt Ravenna (Emilia-Romagna/ Italien). Sie wandelt Touristen durch Gamification und Community-Engagement in „Mitbürger auf Zeit“ um, um den Overtourism zu entlasten, nachhaltige Mobilität zu fördern und lokale Identität authentischer erlebbar zu machen.
Infos: turismo.ra.it

Roadmap neue Finanzierungsquellen

Quick Wins

HandlungsfeldOperative Umsetzungsschritte
PartneraktivierungVersand eines unkomplizierten One-Pagers an lokale Leistungsträger zur Gewinnung von 10–25 Pilotpartnern (ÖPNV, Kultur, Gastronomie).
Website / TechnikBereitstellung einer responsiven Landingpage inklusive interaktiver Web-Karte und QR-Codes.
Einführung Checkout-SpendeIntegration eines freiwilligen Beitrags (1–3 €) im primären Buchungskanal mit transparenter, visualisierter Zweckbindung („Pay-for-Impact“).
Parkplatz-LenkungModerate Erhöhung der Parkgebühren an 2 stark frequentierten Hotspots bei gleichzeitiger Gebührenbefreiung an Umlenk-Hub.
Stakeholder-DialogEinberufung eines „Runden Tisches“ mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Mobilität und Bürgerschaft zur Definition der Impact-Ziele.

Strategische Projekte

HandlungsfeldOperative Umsetzungsschritte
Impact-Fonds & BeiratRechtssichere Etablierung des Lenkungsfonds und Einsetzung eines paritätischen Beirates zur transparenten Mittelverwendung.
City-Pass & CouponingBündelung von ÖPNV, Top-Attraktionen und digitalem Couponing in einer nahtlosen Gästekarten-Struktur.
Infrastruktur & BeaconsBeginn der Detailplanung für multifunktionale Mobilitätshubs und architektonisch anspruchsvolle, identitätsstiftende Busstationen.
Gemeinwohl-GovernanceAusarbeitung eines gemeinwohlorientierten Konzeptes zur langfristigen, überparteilichen Steuerung der Lebensraum-Entwicklung.
Juristische AbsicherungUmfassende Prüfung kommunalabgabenrechtlicher, beihilferechtlicher und datenschutzkonformer Kriterien für das Gesamtsystem.

Arbeitsgruppen identifizieren innovative Finanzierungsmodelle

Teilnehmende der Session erarbeiteten im Anschluss an den Impulsvortrag ein Finanzierungsmodell für eine Musterdestination und definierten die erforderlichen Umsetzungsschritte. Wesentliches Learning der Teilnehmenden: Jede Investition in touristische Infrastruktur muss zugleich eine Investition in die Daseinsvorsorge und Lebensqualität der lokalen Bevölkerung sein. Innovative Finanzierungsmodelle sind nur dann dauerhaft tragfähig, wenn die Bevölkerung erkennbar von den touristisch induzierten Maßnahmen profitiert.

Die organisatorische Absicherung eines solchen Modells braucht darüber hinaus moderne, agile Governance-Strukturen. Sie sichern eine transparente Mittelverwendung, entziehen die langfristige Destinationsentwicklung den Schwankungen politischer Legislaturperioden und stärken die demokratische Teilhabe im Sinne einer echten Visitor Economy.

Die Überführung der erarbeiteten Erkenntnisse in die operative Praxis erfordert eine strukturierte Roadmap. Die folgende Übersicht bündelt die Handlungsempfehlungen aus der Session:

Die zukunftsfähige Aufstellung einer Destination ist – soweit herrschte Einvernehmen – eine fundamentale Gestaltungs- und Finanzierungsaufgabe. Innovative Beteiligungsmodelle wie BremenPay oder CopenhagenPay können dabei den Weg aus der Sackgasse schrumpfender öffentlicher Budgets weisen. Sie unterstreichen, dass die clevere Verknüpfung von Besucherlenkung, digitaler Exzellenz und gemeinwohlorientierter Finanzierung reale Wirkung entfalten, die Lebensqualität der Einwohner sichern und die Erwartungen der Gäste nach sinnstiftenden Erlebnissen erfüllen kann.