
Session 03: Positive Narrative gegen Populismus und demokratiefeindliche Tendenzen setzen
Tourismus ist immer auch ein gesellschaftlicher Aushandlungsraum. Wo unterschiedliche Interessen, Lebensrealitäten und Wahrnehmungen aufeinandertreffen, entstehen Narrative – über Gäste, Einheimische, Zugehörigkeit, Verdrängung oder Identität.
Die dritte Session widmete sich deshalb der Fragestellung: Wie können touristische Akteure auf populistische oder demokratiefeindliche Narrative reagieren, ohne selbst zu vereinfachen, zu polarisieren oder Probleme schönzureden?
Bereits der Einstieg machte deutlich, wie emotional und nahbar das Thema für viele Teilnehmende war. Nicole und Ilka eröffneten die Session mit persönlichen Erfahrungen von sprachlicher Verrohung, Ausgrenzung und Unsicherheit im öffentlichen Raum. Teilnehmende berichteten von eskalierenden Kommentarspalten unter touristischen Kampagnen, von rassistischen Aussagen im beruflichen Kontext und von Situationen, in denen Fakten und sachliche Argumente scheinbar keine Wirkung mehr entfalten.
Tourismus als Resonanzraum gesellschaftlicher Spannungen
Diskussionen rund um Overtourism, Wohnraum, Verkehrsbelastung oder kulturelle Identität werden zunehmend emotional aufgeladen, stark vereinfacht und in klare Gegensätze übersetzt. Gerade im Tourismus entstehen dadurch immer wieder ähnliche Narrative – etwa die Vorstellung, Touristen seien allein verantwortlich für Wohnraummangel, Verkehrsprobleme oder den Verlust lokaler Identität.
Populistische Narrative entstehen häufig dort, wo Menschen Komplexität nicht mehr durchdringen können und sich nach einfachen Antworten sehnen. Entscheidend ist deshalb, Probleme weder zu ignorieren noch vorschnell moralisch abzuwerten, sondern genauer hinzuhören und die tatsächlichen Bedürfnisse hinter den Aussagen zu verstehen.
Auch touristische Akteure tragen manchmal Mitschuld an populistischen Reaktionen – etwa, wenn Beteiligung fehlt, Stimmungen nicht ernst genommen werden oder versucht wird, komplexe Probleme mit positiven Marketingbotschaften zu „überschreiben“.
Rationale Argumente allein reichen häufig nicht aus, um emotional aufgeladene Debatten zu verändern. Menschen, die sich bedroht oder ausgeschlossen fühlen, lassen sich mit Zahlen, Daten oder wirtschaftlichen Argumenten nicht erreichen. Stattdessen braucht es emotionale Zugänge, echte Geschichten, nachvollziehbare Lebensrealitäten und Formate, die Identifikation ermöglichen.
Narrativ-Reset: Gezielt gegen Populismus vorgehen
Die Session-Teilnehmer:innen machten auch deutlich, dass touristische Akteure nicht machtlos sind. Gerade Tourismusorganisationen, Gastgeber:innen und Destinationen arbeiten täglich mit Geschichten, Bildern und Bedeutungsräumen und tragen damit Verantwortung dafür, wie über Orte, Menschen und Gemeinschaft gesprochen wird.
- 1. Narrative sichtbar machen: In Social Media & Kommentarspalten, Gästekommunikation, lokaler Presse, politischen Debatten, an Stammtischen und in Alltagssituationen beobachten:
- Welche Aussagen oder Zuschreibungen tauchen immer wieder auf?
- Wo entstehen „Wir gegen die anderen“-Narrative?
- Welche Themen werden stark vereinfacht?
- Welche emotionalen Trigger werden genutzt?
- Welche Plattformen oder Räume verstärken diese Narrative?
- 2. Kommunikationsmuster erkennen: Fehlende Beteiligung, Kontrollverlust, Überforderung durch Komplexität, mangelnde Transparenz führt leicht zu:
- Vereinfachung komplexer Probleme
- Emotionalisierung
- Schuldzuweisungen
- Polarisierung
- Angst- und Bedrohungsrhetorik
- Schubladen- und Silodenken
- „Wir vs. die anderen“-Argumente
- 3. Bedürfnisse hinter den Aussagen verstehen:
- Was genau wird als Problem empfunden?
- Wann tritt dieses Gefühl konkret auf?
- Welche Ängste oder Sorgen stecken (vermutlich) dahinter?
- Geht es um Fairness, Sicherheit, Zugehörigkeit oder Mitbestimmung?
- Welche realen Spannungen werden sichtbar?
- 4. Eigene blinde Flecken reflektieren:
- fehlende Partizipation
- zu starke Vereinfachung
- reine Positiv-Kommunikation
- mangelndes Zuhören
- kategorisierende Sprache (Tourist vs. Einheimischer)
- fehlende Einbindung kritischer Stimmen
- 5. Positive Narrative entwickeln:
- echte Geschichten statt Werbesprache
- emotionale Zugänge statt nur Zahlen & Fakten
- Lebensrealitäten sichtbar machen
- Humor & Nahbarkeit
- gemeinsame Werte betonen
- unterschiedliche Perspektiven einbinden
- Konflikte offen ansprechen
- 6. Narrative als Gemeinschaftsaufgabe verstehen:
- gemeinsame Haltung entwickeln
- abgestimmte Kommunikationsprinzipien
- Beteiligung unterschiedlicher Akteure
- langfristige Beziehungspflege
- Mut zur Positionierung
Positive Narrative entstehen nicht durch Beschönigung oder Verdrängung, sondern durch ehrliches Zuhören, glaubwürdige Aktivitäten, Beteiligung möglichst vieler Stakeholder und die Bereitschaft, auch schwierige Themen aufzugreifen und Spannungen auszuhalten. In diesem Sinne ist Co-Kreation tatsächlich als demokratische Haltung gefragt.